Warum wir Souveränität nicht als Marketingstunt abtun sollten
Wer KI in seine Prozesse integriert, muss auch ihre Abhängigkeiten bewerten. Deshalb gehört Souveränität für mich in jeden Vergleich von Data & AI Plattformen.
Aus meiner Position innerhalb der Schwarz Gruppe spreche ich oft über Europas digitale Souveränität. Bei Schwarz Digits und STACKIT ist sie ein Kernargument unserer Produkt- und Plattformpräsentationen. Dass ich das Thema aus dieser Perspektive betrachte, gehört für mich offen dazu. Die folgenden Gedanken sind meine persönliche Sicht darauf.
In Gesprächen mit Kunden und Interessierten begegnet mir inzwischen häufiger eine Frage: „Abgesehen vom Thema Souveränität: Wie vergleichbar ist euer Angebot wirklich?“ Ich verstehe diese Frage. Wer eine Plattform auswählt, will wissen, welche Funktionen sie bietet, wie ausgereift die Services sind und ob sie im Alltag funktionieren. Diese Fragen müssen wir beantworten können.
Trotzdem halte ich es für einen Fehler, Souveränität für diesen Vergleich aus der Gleichung zu nehmen. Zur Qualität einer Plattform gehört auch die Frage, unter welchen Bedingungen ich sie dauerhaft nutzen kann. Wenn ein Service fachlich überzeugt, sein Zugang aber von Entscheidungen abhängt, auf die ich keinen Einfluss habe, muss das in meine Bewertung einfließen.
Gerade im Bereich Data & AI wird das relevant. Wir verarbeiten Daten, um mit KI Prozesse zu unterstützen, Entscheidungen vorzubereiten oder Arbeitsschritte zu automatisieren. KI wandert dabei immer weiter in die Anwendungen selbst. In Software, Services und auf Websites begegnen uns KI-Funktionen inzwischen ganz selbstverständlich. Selbst bei der privaten Steuererklärung gibt es Unterstützung durch KI. Für viele Anwendungsfälle verschiebt sich die Frage deshalb vom Ob zum Wie: In welcher Form will ich KI einsetzen?
Damit verändert sich auch die Bedeutung einer Abhängigkeit. Wenn ich einen Chatbot gelegentlich zum Formulieren nutze, kann ich auf ihn eine Zeit lang verzichten. Wenn ein Geschäftsprozess auf einer KI-Funktion aufbaut, hat ein fehlender Zugang andere Folgen. Dann muss ich wissen, welche Arbeit liegen bleibt, welche Ersatzlösung verfügbar ist und wie schnell ich umstellen kann.
Der Fall von Anthropics Claude Fable 5 hat dieses Risiko im Juni 2026 greifbar gemacht. Laut Anthropic verlangte eine US-Exportkontrollanordnung vom 12. Juni, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für Personen ohne US-Staatsangehörigkeit auszusetzen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort. Um die Anordnung umzusetzen, schaltete Anthropic beide Modelle zunächst für alle Kunden ab.
Die Beschränkungen wurden später aufgehoben; ab dem 1. Juli war Fable 5 laut Anthropic wieder weltweit verfügbar. Das gehört zur Einordnung dazu. Für mich bleibt aber die Erfahrung: Ein bereits angebotener KI-Dienst konnte kurzfristig aufgrund einer staatlichen Entscheidung ausfallen. Wer darauf einen Prozess aufgebaut hatte, musste mit dieser Unterbrechung umgehen.
Daraus leite ich für Architekturentscheidungen eine konkrete Frage ab: Wie abhängig ist meine Lösung von Faktoren, die ich selbst nicht kontrollieren kann? Dazu zählen der Betreiber, die Rechtsordnung, die Verfügbarkeit des Modells und die Möglichkeiten, Daten und Anwendungen zu einem anderen Anbieter zu bewegen. Ein Rechenzentrum in Europa beantwortet diese Fragen allein noch nicht. Auch die Herkunft eines Anbieters ersetzt diese Prüfung nicht.
Souveränität heißt für mich, bei solchen Entscheidungen handlungsfähig zu bleiben. Kann ich ein anderes Modell einsetzen? Kann ich die Verarbeitung auf einer Infrastruktur betreiben, über die ich selbst entscheiden kann? Habe ich Zugriff auf meine Daten und eine Alternative, falls ein Dienst wegfällt? Ein Modellwechsel braucht Tests und Anpassungen. Deshalb sollte ich diese Möglichkeit prüfen, bevor ich auf sie angewiesen bin.
Wie viel Kontrolle nötig ist, hängt vom jeweiligen Prozess ab. Nicht jede Anwendung braucht denselben Grad an Unabhängigkeit. Ich muss die Abhängigkeit aber kennen und bewusst entscheiden, ob ich sie tragen kann. Je stärker KI in einen Prozess eingebunden ist, desto mehr Gewicht bekommt diese Entscheidung.
Die Frage nach Qualität und Reife unserer Plattformen bleibt berechtigt. Wir müssen uns an Funktionen, Zuverlässigkeit, Bedienbarkeit und Kosten messen lassen. Souveränität gehört für mich genauso in diesen Vergleich. Wer sie als Marketingstunt abtut, lässt einen Teil der Betriebsrealität aus. Deshalb möchte ich in Gesprächen über KI auch fragen: Wie wollen wir sie einsetzen, wovon machen wir uns dabei abhängig und welche Möglichkeiten bleiben uns, wenn sich die Bedingungen ändern?